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Auf Spurensuche nach Camille Claudel (1864-1943)
Am 10. März 1913 hält ein vergitterter Krankenwagen vor dem alten Haus am Quai Bourbon in Paris. Zwei Pfleger holen mit Gewalt eine verwahrloste Frau aus ihrer Wohnung, die ein Bild voller Schmutz und Verwüstung bietet. Ein Paar dunkle, wilde Augen starren mich einen Moment lang an, bevor das Gitter des Wagens hinter der Kranken geschlossen wird. Eine Nachbarin kann mir Auskunft geben. „Die heißt Camille Claudel. Sie wohnt schon 15 Jahre hier. Man sah sie selten, die Läden waren immer heruntergelassen. Aber dieser nächtliche Lärm, wenn sie in ihrer Werkstatt hämmerte! Bildhauerei! Man sagt, sie soll etwas mit dem berühmten Rodin zu tun haben. Einmal sie alles kaputtgeschlagen, was sie geschaffen hatte. Verrückte Person. Ihr Bruder hat sie einweisen lassen.“ Sie gibt mir die Adresse des Bruders Paul Claudel, Schrifteller. Ich treffe und seine Mutter. „Als Junge habe ich meine ältere Schwester geliebt. Sie war immer mein Vorbild. Wie haben wir als Kinder zusammen getobt, gespielt und gelacht. Mit 20 dann, die kastanienbraune Mähne, die beeindruckende Miene aus Mut, Offenheit, Überlegenheit, Fröhlichkeit. Heute, mit 49 Jahren, hat das Leben sie gezeichnet, sie ist wahnsinnig geworden. Wir mussten sie einliefern, aber ich fühle mich noch ganz elend.“ Die Mutter unterbricht ihn: „Sie ist selbst schuld. Hätte sie nur so gelebt, wie es sich für eine Frau gehört. Aber Camille war schon als Kind aufsässig und unbelehrbar. Mit 12 Jahren wollte sie Bildhauerin werden! Wie sie euren Vater um den Finger wickelte! Ihrer Ausbildung wegen mussten wir nach Paris ziehen. Sie hätte es in Villeneuve auf dem Land so gut haben können. Und die unmoralische Affäre mit diesem Rodin, diesen Skandal werde ich ihr nie verzeihen!“ „Mutter“, beschwichtigt Paul. „Camille besaß künstlerische Begabung! Man nannte sie eine der stärksten Hoffnungen französischer Kunst. Aber“, zu mir gewandt, „der Beruf eines Bildhauers ist für einen Mann eine Art ständiger Herausforderung, er ist für eine alleinstehende Frau und eine Frau mit dem Temperament meiner Schwester eine Unmöglichkeit. Was die Liebschaft zu Rodin betrifft: Mit dem Bruch begann für sie die Katastrophe.“ Ich schreibe nach England an Jessie Lipscomb, Camilles langjährige Freundin und Kollegin. „Wir hatten in Paris zusammen Unterricht bei Rodin. Sie arbeitete oft wie eine Besessene. Bei Rodin suchte und fand sie Anerkennung. Als er uns in seinem Atelier anstellte, verfiel sie dem Meister zunehmend, stellte ihm ihre gesamte Begabung und Kreativität zur Verfügung, bis dahin, dass sie eigene Werke mit seinem Namen signieren ließ. Sie hätte auf ihren Vater hören sollen, ihr selbständiges Schaffen nicht zugunsten der Arbeit bei Rodin zu vernachlässigen.“ Der berühmte Rodin. Ich muss ihn wohl selbst aufsuchen. Als ich ihn nach Camille Claudel frage, macht er einen bedrückten Eindruck. „Ich habe ihr nicht mehr helfen können. Sie war alles für mich, eine geniale Person, die mich als Frau und als Künstlerin inspiriert hat. Die fruchtbaren gemeinsamen Arbeitsjahre endeten, als sie nicht länger nur Geliebte neben meiner Lebensgefährtin Rose, sondern einzige Frau in meinem Leben sein wollte. Als ich ihr das nicht versprechen konnte, fing sie an mich zu hassen. Wie ist diese einst so wunderbare Frau psychisch verfallen!“ Viele Jahre später reise ich nach Südfrankreich, nach Montdevergues, wo Camille Claudel noch immer in der geschlossenen Anstalt lebt. Der Arzt weist mich auf den Wunsch der Mutter nach einer strengen Kontaktsperre hin. Nichts soll an die Außenwelt dringen. „7 Jahre nach ihrer Einweisung, 1920, hätten wir Mme.Claudel gerne versuchsweise entlassen. Ihr Verfolgungswahn und auch ihre körperliche Aggressivität hatten sehr nachgelassen. Aber ihre Mutter verweigerte dies. In all den Jahren hat sie ihre kranke Tochter niemals besucht, nur der Bruder war einige Male hier.“ Dann läßt er mich zu ihr. Ich treffe eine energische Frau. „Ich gehöre nicht hierher in dieses Milieu, man soll mich herausholen, nach 14 Jahren eines solchen Lebens fordere ich lautstark die Freiheit. All das entspringt Rodins teuflischem Gehirn. Er hatte nur den einen Gedanken, ich könnte als Künstlerin größer werden als er. Ich sollte unglücklich sein.“ Abgesehen von solchen Attacken ihrer Schizophrenie erzählt Camille mir ganz geordnet aus ihrem früheren Leben: Von ihren Erinnerungen an die Kindheit, ihrer Begeisterung für die Bildhauerei, ihrer erste Ausstellung, den positiven Kritiken. Sie beschreibt mir einige Werke: Die Büsten Giganti und Alte Hélène, das Liebespaar Sakuntula, die Clotho, den Walzer und schließlich Die Schwätzerinnen. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Der Blick wird ernst, traurig, wütend, als sie von den finanziellen Sorgen als Künstlerin spricht, den gesundheitlichen Problemen und der Einsamkeit. Resigniert sagt sie: „Ich hätte besser daran getan, mir schöne Kleider und schöne Hüte zu kaufen, als mich meiner Leidenschaft für zweifelhafte Kunstwerke hinzugeben. Gerne würde ich in Villeneuve am Kamin sitzen, aber leider glaube ich nicht, dass ich je wieder aus Montedevergues herauskomme.“ Jahrzehnte später, Ende 1943, höre ich, dass sie in der Anstalt gestorben ist. 30 Jahre also lebte sie in der Psychatrie, mit der Diagnose „Paranoider Verfolgungswahn“. Sie starb einsam, ohne ein Andenken, ohne einen Grabstein.
Marianne Storz
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